bumblog: Sturm auf das Blättergedöns: Laubpuster schädigen Stadtbäume

05.10.09 12:32 By: Anke Engelmann

Der Herbst könnte so schön sein: Mit den Füßen laut durch den Laubteppich rascheln, die bunten Blätter aufwirbeln, sich kräftig vom Wind durchpusten lassen ... Stattdessen heulen überall die stinkenden Ungetüme, die für die Stadtbäume die zweitschlimmste Erfindung seit der Kettensäge sind – die Laubpuster.  

Wer eigentlich hat sich ausgedacht, dass zwischen Herbst und Frühjahr kein Fitzelchen Blatt auf der Erde liegen darf? Wahrscheinlich die Mulchindustrie. Denn wo kämen wir hin, wenn Pflanzenreste einfach auf dem Boden liegend vergammeln könnten! Bringt es doch viel mehr Gewinn, sie kontrolliert im Häcksler zu recyceln und dann als Blumenerde oder Mulch zu verkaufen - inklusive zerkleinerter Insektenlarven und Kleinstsäugern. Möchte nicht wissen, was alles in meinem Blumentopf steckt.

Begonnen hat es in Berlin, mit der Kastanienminiermotte. Um zu verhindern, dass sich der Schädling ausbreitet, rief man in der Hauptstadt die Bevölkerung dazu auf, Kastanienlaub vollständig aufzulesen. Bei der Gelegenheit wurden oft die Blätter der anderen Bäume gleich mit entsorgt, auch wenn weit und breit keine Kastanie zu sehen war - man kann ja nie wissen. Das Unterfangen wurde so zur großen Stunde der Alles-Muss-Sauber-Und-Aufgeräumt-Sein-Fraktion in Grünflächenämtern und Eigenheimen.

Dann rüsteten Baumärkte und die Industrie nach. Seitdem blasen jedes Jahr in deutschen Städten Saubermänner und -frauen in kommunalen Auftrag zum Sturm auf das Blättergedöns. Wie im Sauberwahn werden Wege, Rasenflächen und jedes erreichbare Fleckchen Erde bloßgelegt. Ein Wunder, dass unter Sträuchern und Bäumen nicht noch gewischt und gebohnert wird. Mit dem Pustefix bleibt auch in der kalten Jahreszeit in den Parks unten rum alles sauber, und das hat Nebenwirkungen. Wenn der erste Schnee den Boden wärmt, ist erfroren oder geschädigt, was in der Tiefe überwintern wollte.

Denn Laub weg heißt Decke weg für Pflanzen und Tiere. Wenn Blätter, Pflanzenreste und Kleinstmüll im Spätherbst zu einer dicken Schicht zusammenpappen, wird es darunter warm und kuschlig für die Pflanzenwurzeln. Mit der Laubschicht gehen zudem wichtige Überwinterungsräume und Nahrung für Nützlinge und Stadtvögel verloren: Schwebfliegen, deren Larven Blattläuse fressen oder Laufkäfer, auch Schneckenpolizei genannt, überleben die Kälte ebenso wenig wie Igel, Regenwürmer, Spinnen und Asseln. Folge des exzessiven Hantierens mit dem Pustefix: Von Jahr zu Jahr machen sich immer mehr Schädlinge über immer schwächer werdende Pflanzen her.

Ich wünsche mir eine Welt, in der Häuslebesitzer und Ämterfuzzis mit einem Achselzucken akzeptieren, dass die Natur - auch die menschliche - unordentlich ist. Allerdings, fürchte ich, kommt zuvor der (hoffentlich) vergebliche Versuch, das Laubproblem an der Wurzel anzupacken und den Bäumen das Austreiben ganz auszutreiben.

Anke Engelmann im Herbst 2009


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