07.07.09

Die afrikanische Art des Babytragens

Von: Anke Engelmann

Alltag in Africa, John Paskey

Eine Kirche in Ghana, Allison Stillwell

„Bei uns gibt es keine Schreibabys“

Kinderwagen finden viele afrikanische Frauen modern und schick. Doch im Alltag tragen die Mütter ihre Kinder, indem sie sie mit Tüchern an ihrem Körper festbinden. Das ist viel praktischer, „so haben wir beide Hände frei“, sagt Helen Schultheiss. Die aus Kenia stammende Mutter kennt die Kinderwagen der Deutschen und die Tragetücher der Afrikanerinnen. Mit ihrem Mann, der bei einer Stiftung arbeitet, und den beiden Söhnen lebte die 45-Jährige abwechselnd in Deutschland und Afrika. Wir treffen sie in ihrer Dachwohnung im thüringischen Erfurt, wo die Familie seit einigen Jahren zu Hause ist.

 

Wie überall in Afrika ist es in Kenia normal, dass die Frauen ihre Babys ununterbrochen tragen – auf dem Rücken, dem Bauch oder der Hüfte. „Kinder brauchen die Mutterwärme“, sagt Helen. „Und außerdem weiß ich immer, was los ist und das Kind kann jederzeit trinken.“ Sie selbst hatte ihre zwei inzwischen erwachsenen Söhne Franklin und Milan lange auf dem Rücken. Zu schwer waren sie nie – die Muskulatur der Mutter und auch die des Kindes passen sich schnell an. Ohnehin seien die afrikanischen Frauen gewöhnt, schwere Lasten auf dem Kopf zu transportieren, erläutert Helen. Sie berichtet vom Brunnen in ihrem Heimatdorf. Täglich muss von ihm Wasser geholt werden: drei Kilometer hin und drei Kilometer zurück. Am Waschtag kommt dazu noch die Wäsche, die auf dem Rückweg nass und schwer ist.

 

Auch die Babys bilden frühzeitig einen besonderen Gleichgewichtssinn aus. „Durch das Tragen lernen sie, die Balance zu halten“, sagt Helen. Um das zu veranschaulichen, beugt sie sich so weit nach vorn, dass ihr Oberkörper fast einen rechten Winkel bildet. Dann platziert sie ein Kissen auf ihrem Rücken, legt das Tragetuch fest über das „Kind“ und führt es rechts über ihre Schulter und links über die Hüfte nach vorn. Bis sie den Knoten fest gezogen hat und sich aufrichtet, liegt das Kissen-Baby flach auf ihrem Rücken. Sie habe nie gehört, dass dabei ein Kind das Gleichgewicht verloren habe, sagt Helen. Dabei kann die Art, das Tuch zu binden, je nach Region variieren. In Südafrika, wo die Familie Schultheiss einige Jahre lebte und wo ihr zweiter Sohn zur Welt kam, stecken die Frauen das Tragetuch vorn über ihrer Brust fest zusammen.

 

Die Frauen in Kenia tragen ihre Kinder meist ab dem Alter von drei Monaten und so lange, bis die Kleinen selbst laufen können. Nur bei einigen Stämmen kommen die Babys bereits im Alter von zwei Wochen ins Tuch. An Mutters Körper beschützt und behütet, wird es in das tägliche Leben einbezogen, ohne dass sich alles um das Kind dreht. Ob Wasser holen, Wäsche waschen, Mais zerkleinern oder Essen bereiten: Immer sind die Kleinen mitten im Geschehen und immer sind Menschen um sie herum. Und das merkt man den Babys an, sagt Helen. „Bei uns gibt es keine Schreibabys, und wir brauchen keine Nuckel, damit die Kinder ruhig sind oder einschlafen.“

 


 
 
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