Eine intuitive Art des Mutterseins
Persönlicher Bericht über das Babytragen in Chiapas
Während meines Anthropologie-Studiums habe ich lange mit den Maya-Frauen in Chiapas, Mexiko, gelebt. Diese Frauen tragen ihre Babys fast den ganzen Tag, entweder in handgewebten Stoffen, die über eine Schulter geknotet werden, oder - mittlerweile häufiger - in einfachen Umhängen, die billig gekauft werden und genauso wie die Stoffe gebunden werden.
Ich wusste schon immer, dass ich mein eigenes Baby später genau so tragen werde. Mir hat gefallen, wie einfach es ist, die Position der Babys vom Rücken der Mutter nach vorne zu bewegen, wenn sie sich hinsetzt. Die Nähe, die das Babytragen bedeutet, hat mich angesprochen als eine instinktive, intuitive Art des Mutterseins. Die Babys sind überall dort, wo die Mütter sind und werden nur dann hingelegt, wenn sie schon schlafen. Außer beim Stillen werden die Neugeborenen wie auch die älteren Babys fast immer auf den Rücken ihrer Müttern getragen,, und so kann die Mutter vor einem heißen Feuer kochen oder andere Arbeiten verrichten. Die meiste Zeit sind die kleineren Babys so komplett eingehüllt in ihrem Sling, dass nicht mal ihre Gesichter rausschauen. Mich hat es gewundert, dass die Frauen sich keine Sorgen gemacht haben, ob die Babys so atmen können. Ich vermute, dass die vielen Generationen von Müttern mit Tragebabys gelernt haben, dass das Atmen im Sling kein Problem ist. Natürlich sind die traditionellen Slings aus Baumwolle, wogegen die neueren Varianten oft aus Kunstfasern bestehen. Ich persönlich würde eher einem atmungsaktiven Sling aus Baumwolle vertrauen.
Das Babytragen im Dorf ist nur der erste Teil einer Kindheit, in der sich Kinder überall da aufhalten, wo die Eltern sind, auch dort, wo hart gearbeitet wird. Kinder sind so nie ein Hindernis im natürlichen Fluss des sozialen Lebens und lernen von Anfang an das gesamte Spektrum der sozialen Existenz kennen. Babys und größere Kinder in Maya-Dörfern sind ein natürlicher Teil des Alltagslebens, was ideal für die Entwicklung von linguistischen und sozialen Kompetenzen ist. Da Kinder von Erwachsenen- und Arbeitssituationen nicht ausgeschlossen werden, müssen Eltern nicht mit der sozialen Isolation fertig werden, die oft in westlichen Kulturen nach der Geburt entsteht. Die Nähe zur Mutter und ihre rhythmischen Bewegungen beruhigen das Baby, und so hat die Mutter die Freiheit zu arbeiten oder sich mit Freundinnen zu unterhalten. Das habe ich selbst erlebt: Mit meinem Baby auf dem Rücken konnte ich immerhin Teilzeit im Laden einer Freundin mit arbeiten, obwohl ich nicht die erweiterte Familie und Gemeinschaft der Indigenas Mexicos um mich herum hatte. Das hat mich durch den langen Winter in New England gerettet, wo junge Mütter oft nur auf Baby fokussierte Aktivitäten beschränkt werden!
Aufgrund meiner Erfahrungen in Mexiko und mit meinem eigenen Baby bin ich immer etwas geschockt, wenn ich sehe, wie ein Neugeborenes in einem Kinderwagen gefahren wird. Wie Jean Liedloff, die in ihrem Buch: „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ ihre Zeit mit amazonischen Kulturen beschreibt (ein Buch, das ich jeder/m empfehlen würde, die (der) sich für das Babytragen interessiert), glaube ich, dass Babys mit der Erwartung und dem Bedürfnis nach unmittelbaren physischen Kontakt mit Menschen geboren werden. Diese Nähe tun selbst unsere nächsten Verwandten, die Primaten, ihrem Nachwuchs. Nur wir Menschen laufen Gefahr, diese Bedürfnisse aus dem Auge zu verlieren, wenn es um die Pflege unseren Kleinen geht - trotz aller raffinierten technischen Geräte und der Bequemlichkeiten, die sie uns bieten.




