07.07.09

Farbenfrohes Gift

Von: Anke Engelmann

Bunte Textilien in Indien

Bunte Textilien in Indien

Baumwollanbau und Textilproduktion in Indien

Wer einmal in Indien war, wird die leuchtenden Farben nicht vergessen – und den Dreck. Stinkende Flüsse, Berge aus Müll, Chemieabfälle, die ungefiltert ins Grundwasser gelangen, sind die andere Seite des schnellen Wachstums, mit dem das Land den Anschluss an die westlichen Industrienationen sucht. Diese Ambivalenz kennzeichnet auch die meisten Textilien, die aus Indien stammen. Was bei uns als Schnäppchen über den Ladentisch geht, wurde meist mit viel Chemie billig produziert. Gentechnik und Pestizide, Zerstörung der Umwelt, Verschuldung der Bauern: Billige Kleidung hat ihren Preis.

 

Nach China und vor den USA ist Indien der zweitgrößte Baumwollproduzent der Welt. Unterstützt von der indischen Zentralregierung haben sich vor allem multinationale Konzerne etabliert. Der größte Saatgutproduzent in Indien ist die auch in Deutschland wegen ihres Gen-Mais MON810 bekannte US-Firma Monsanto. Zudem verkauft die deutsche Bayer-AG Pestizide und Insektizide.

 

Seit 2002 ist in Indien der Anbau der gentechnisch veränderten Monsanto-Baumwolle „Bollgard“ erlaubt, die durch das zusätzliche Protein Bacillus thuringiensis (Bt) gegen Schädlinge resistent sein soll. Viele indische Bauern, die mit ihrer traditionellen Mischkultur-Produktion von der Hand in den Mund lebten, stiegen um auf Monokultur mit Hochleistungsbaumwolle und schließlich auf die aggressiv beworbene Bt-Baumwolle. Derzeit setzen vier Millionen indische Pflanzer auf die genmanipulierte Pflanze, die auf sieben Millionen Hektar wächst - das sind 76 Prozent der Gesamt-Anbaufläche für Baumwolle.

 

Für die Kleinbauern blieb der erhoffte bescheidene Wohlstand aus. Mit jedem Schritt weg von der traditionellen Produktion wurden sie von Saatguthändlern und Pestizidfirmen abhängig, bei denen die meisten Pflanzer inzwischen tief in der Kreide stehen. Wegen ihrer Überschuldung hätten sich seit 1997/98 weit über 500 Bauern das Leben genommen, so Entwicklungshilfeorganisationen. Monsanto hingegen bestreitet, dass ein Zusammenhang besteht und verweist auf „komplexe sozioökonomische Ursachen“.  Zudem hat der Anbau von „Bollgard“ weitreichende Auswirkungen auf die indische Natur und Landwirtschaft. So entwickeln die Schädlinge zunehmend Resistenzen, so dass Pestizide weiterhin eingesetzt werden müssen. Inzwischen ist bereits die nächste Baumwoll-Generation auf dem Markt, in der zwei Varianten des Bt-Proteins aktiv sind. Bt schadet jedoch auch Nützlingen.

 

Die Firmen versuchen, ihr Image sauber zu halten. Als 2005 bekannt wurde, dass auf Indiens Baumwollfeldern überwiegend Kinder arbeiteten,  startete Bayer eine groß angelegte Kampagne in der Baumwollregion Andhra Pradesh. Heute, einige Jahre später, kritisieren Entwicklungsorganisationen noch immer, die Agrarkonzerne Monsanto und Bayer würden das Problem nicht energisch genug angehen. Auch die Bildungsangebote, die die Konzerne für die ehemaligen Kinderarbeiter finanzieren, seien wenig effektiv und nicht vor Ort verankert.

 

Gewinner der konventionellen Baumwollproduktion in Indien seien die großen Konzerne, lautet das Resümee von Entwicklungshilfe und Umweltschutzorganisationen wie dem Naturschutzbund NABU. Mehr und mehr jedoch wächst bei uns die Nachfrage nach ökologisch nachhaltig produzierten und fair gehandelten Textilien. Dieser Bedarf ermöglicht es einigen Kooperativen in Indien, den Chemiegiganten die Stirn zu bieten und sich eine Lebensgrundlage zu sichern.

 

 


 
 
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