Is fair trade the solution?
Norden oder Süden – bumbaumel fragte Alexis Passadakis, Welthandels-Experte vom Attac-Koordinierungskreis
?Was ist besser: in den ärmeren Länder des Südens produzieren zu lassen und damit sozial und ökologisch arbeitende Hersteller vor Ort zu unterstützen? Oder sollte man lieber hier bleiben?
Wir meinen, dass grundsätzlich regionalwirtschaftliche Produktionsketten zu bevorzugen sind. Sie stellen eine wichtige Perspektive dar angesichts der globalen Krise. Wenn sich Anbieter entschließen, in die Länder des Südens zu gehen, müssen hohe arbeitsrechtliche Standards in den Betrieben verankert werden, also zum Beispiel Kinderarbeit ausgeschlossen, bezahlter Urlaub und entsprechend hohe Löhne garantiert sein. Vor allem müssen sich die Arbeiterinnen und Arbeiter frei gewerkschaftlich organisieren können.
?Welchen Einfluss haben wir als Konsumenten und Verkäufer im Norden darauf, dass das passiert?
Wir können Solidarität entlang der Wertschöpfungsketten organisieren, dafür sorgen, dass sich die Konsumenten zusammenschließen mit Leuten, die produzieren und beide gemeinsam versuchen, die Bedingungen vor Ort zu verbessern. Und natürlich ist es gut, dass es Organisationen gibt wie zum Beispiel die Clean Clothes Campaign (CCC), die auf die Einhaltung solcher Standards achten.
?Das sind aber letztlich nur punktuelle Veränderungen?
... die jedoch modellhaft sind. Dabei kommt es auf die unmittelbaren Beziehungen an zwischen den Konsumentinnen und den Leuten, die produzieren. Das ist zum Beispiel in vielen Eine-Welt-Läden der Fall, wo der Kaffee aus einem ganz bestimmten Projekt kommt. Wo klar ist, wohin die Gelder fließen, und sich eine gegenseitige soziale Verantwortung entwickelt.
?Bedeutet das nicht, dass diese selbst verwalteten Kaffee-Kooperativen mit ihren Produkten immer nur ein Nischendasein führen werden und kein Stück vom großen Kuchen abbekommen?
Das ist nicht widerspruchsfrei, keine Frage. Letztendlich brauchen wir globale Standards, die für alle gelten. Aber das durchzusetzen, ist extrem schwierig und dafür ist es notwendig, dass sich die Leute vor Ort organisieren können.
?Trotzdem ist es gut, Initiativen zu unterstützen, die bereits nachhaltig und fair produzieren, indem man ihre Produkte hier verkauft und kauft?
Mit einer einzelnen Kaufentscheidung für ein solches Bioprodukt ändert man nichts, weil die Bereiche, in denen fair gehandelt wird, letztendlich Nischen sind. Deshalb ist es wichtig, dass man sich organisiert und kollektiv versucht, diese unmittelbaren Beziehungen zu entwickeln.
?Ist das nicht zu wenig? Nehmen wir zum Beispiel Baumwolle. In unseren Breiten wächst sie nicht, aber der Bedarf ist groß. Deshalb wird sie in Schwellenländern wie Indien und China mit unglaublich viel Chemie angebaut, zerstört dort die Ökosysteme, verbraucht Unmengen Wasser und wird von billigen Lohnarbeitern, manchmal sogar von Kindern verarbeitet. Die USA hingegen als dritter weltgrößter Hersteller subventioniert ihre Produktion und drückt damit die Preise auf dem Weltmarkt. Hierzulande kann man in Textildiscountern Klamotten bereits für wenige Euro kaufen. Sind solche Kreisläufe zu verändern, indem man nur noch faire Bio-Baumwolle kauft und verkauft?
Faire Produkte sind gesellschaftliche Nischen, sozusagen Insellösungen, die nur eine begrenzte Ausstrahlungskraft haben. Sie zeigen, wie es gehen könnte, aber das reicht nicht, sondern das muss politisch verallgemeinert werden. Und daran hapert es massiv. Die Insellösungen allein führen nicht zu einer Transformation der Ökonomie, und genau die wäre erforderlich. Dafür braucht es politische Kampagnen.
?Dann könnten diese Nischen, wie du sie nennst, sogar kontraproduktiv sein, weil sie zum Ventil dienen, um politischen Druck abzulassen?
Das kann ein Nachteil solcher Initiativen sein. Viele Leute sagen sich, es gibt ja schon was, und setzen sich nicht mehr für die grundlegenden Veränderungen ein, die dringend nötig sind. Ich habe oft den Eindruck, dass bei einigen Projekten der Blick über den Tellerrand abhanden gekommen ist und die politische Auseinandersetzung fehlt.
?Vielleicht ist das Resignation. Denn welche Chancen hat man überhaupt gegen so riesige Organisationen wie die Welthandelsorganisation oder den Internationalen Währungsfonds?
Zumindest sollte es mehr Aktivitäten gegen die Freihandelsabkommen geben, denn die haben dazu geführt, dass sich die Konkurrenz zwischen den Beschäftigten in den Ländern weiter verschärft, dass die Standards runter gehen, ein Weltarbeitsmarkt entsteht und Preis- und Lohnkonkurrenz immer höher werden. Doch alle sind hierzulande auf den Export fixiert, von dem sie glauben, dass er Arbeitsplätze schafft und Reichtum generiert. Diese einseitige Orientierung schadet sowohl den Menschen im Süden als auch denen, die hier leben. Und so lange die Gewerkschaften als wichtige Akteure auf dieser Haltung beharren, wird sich bei uns leider wenig bewegen. Im Süden hingegen setzen in einigen Ländern starke soziale Bewegungen ihre Regierungen massiv unter Druck, so dass sie Zugeständnisse machen müssen.
Fragen: Anke Engelmann



